Schweiß, Schmerz, Lachen - Oss!

1. Eine Kampfsportart ausprobieren.

Gestern Morgen rief mich meine Schwester an, um etwas mit mir abzuklären. Aus einer spontanen Laune heraus fragte ich sie, ob sie am Abend ins Karate-Training geht. Sie bejahte und ich beschloss mitzukommen. Meine Schwester macht Karate seit sie ein kleines Mädchen ist und hat mittlerweile die Braun-Gurt-Prüfung mit Erfolg absolviert. Sie trainiert mehrmals die Woche und hat eine enorme Ausdauer und Kraft. Die Karate-Art, die sie seit Jahren praktiziert, heißt Kyokushinkai Karate und wird mit Vollkontakt ausgeübt. Das bedeutet, dass Kämpfe nur mit Brust- bzw. Genitalschutz stattfinden und sonst keinerlei Schutzausrüstung getragen wird. Deshalb läuft mein Schwesterherz auch ständig mit großen und kleinen blauen Flecken und ähnlichen Verletzungen durch die Gegend.

Ich habe das Ganze in den letzten Jahren skeptisch aus der Entfernung mit angeschaut und beschlossen: Das ist nichts für mich. Sport im Allgemeinen mag ich eher nicht so. Alles, was anstrengend ist, vermeide ich nach Möglichkeit. Nun steht aber auf meiner Liste “ Eine Kampfsportart ausprobieren”. Ich hatte die Liste ungefähr zehn Minuten veröffentlicht, meldete meine Schwester bereits an, dass sie mir bei dem Ziel gerne helfen möchte und ich unbedingt mal mit ins Training kommen soll. Soviel zu: ich schaue mir das aus der Entfernung an…

Gestern war es also soweit. Ich kam zu einem schlichten Haus und musste eine Treppe im Hinterhof nach oben steigen. Direkt unter dem Dach zwischen Dachbalken war ein schöner geräumiger Karateraum.

Ich wurde freundlich begrüßt und sofort in die Gruppe integriert. Es haben sich alle gefreut, dass ich da war und so konnte ich schnell auftauen. Die Stimmung war sehr locker und fröhlich. Es wurde viel gelacht und gescherzt. Trotzdem war mir bereits nach dem Aufwärmspiel klar: Das wird ein harter Abend.

Zuerst haben wir uns gedehnt. Das war noch gut machbar, denn die Übungen kannte ich vom Yoga. Danach ging es aber ans Eingemachte. Wir haben Übungen mit Pratzen gemacht. Das sind so mittelgroße Schaumstoff-Quader. Die Übungen finden als Partnerübungen statt. Einer hält die Pratze, der andere schlägt drauf. Geübt werden bestimmte Schlagtechniken. Die erste Aufgabe bestand darin dreimal zu schlagen und danach fünf Liegestützen zu machen. Ich war schon fix und alle nach dem ersten Durchgang. Dann war ich dran mit Pratze halten und dachte, ich könnte kurz verschnaufen. Nach dem ersten Schlag meiner Schwester auf die Pratze tanzten aber die Sternchen vor meinen Augen. Unglaublich was sie für eine Kraft hat und was man an Körperspannung braucht, um dagegen zu halten. Und sie meinte noch lachend, sie macht gerade extra leicht für mich. Witzig.

Das war der Auftakt. Es folgten noch mehrere Übungen mit der Pratze und anschließend das wohl anstrengendste Zirkeltraining meines Lebens. Ich wollte mindestens 99 Mal das Handtuch werfen, wurde aber so nett und vehement angefeuert, dass ich es irgendwie durchgezogen habe.

Hinterher dachte ich wirklich nicht mehr stehen, oder irgend etwas machen zu können. Es hat aber niemand nach meiner Meinung gefragt. So schnell konnte ich gar nicht schauen, wurde mir ein Brustschutz angezogen und, damit es mir nicht so weh tut, Schienbeinschützer. Die sahen aus wie so dicke Socken mit Schaumstoff drin.

Dann wurde gekämpft. Eine Runde durfte ich zuschauen wie sich die anderen mit Schlägen und Tritten durch den Raum bewegt haben. Dann war ich dran. Mir wurden die “Tabuzonen” erklärt. Es ist verboten auf die Wirbelsäule, ins Gesicht, zwischen die Beine und auf die Nieren zu schlagen. Überall anders dürfe ich hinschlagen und treten. Los gehts.

Ich stand erst mal da und habe mich nicht wirklich getraut irgend etwas zu machen. Ein vorsichtiger Schlag + Tritt, aber nichts Wirkliches. Aber ich wurde angespornt und angefeuert, sodass ich irgendwann kräftiger wurde. Ich muss gestehen, es war gut mit der eigenen Kraft zu experimentieren und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie man den anderen treffen muss, um sich möglichst nicht selbst dabei weh zu tun. Gleiches gilt für das geschlagen werden. Der erste Impuls, wenn jemand in deine Richtung schlägt oder ein Bein gegen einen tritt, ist auszuweichen. Nur trifft einen dann im Zweifel der Tritt an einem entspannten Muskel. Und das tut höllisch weh. Das habe ich gestern mindestens zehn Mal ausprobiert. Viel besser ist es das Bein fest im Boden zu verankern und die Muskeln anzuspannen. Dann tut da nicht so viel weh. Aber es erfordert volle Konzentration das Bein stehen zu lassen, obwohl man den Impuls hat, es weg zu ziehen.

Dann war es geschafft. Ich war völlig durch, aber richtig gut gelaunt. Ich bin gestern über so viele körperliche Grenzen gegangen, wie noch nie in meinem Leben. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so oft gedacht zu haben: Es geht nicht mehr. Und trotzdem ging noch was.

Ich bin aus dem Training gestern einen Kopf größer raus gegangen und sehe mich in einem ganz anderen Licht. Ich bin viel stärker als ich immer dachte und ich kann viel mehr leisten, wenn ich dran bleibe und über mich hinaus gehe. Meine Grenzen sind gut, aber manchmal ist es auch nicht schlecht darüber hinaus zu gehen und zu schauen, was auf der anderen Seite wartet.

Ich möchte die Erfahrung gestern nicht missen und spiele sogar mit dem Gedanken, regelmäßig weiter zu trainieren. Zwar kann ich mich vor Muskelkater heute kaum rühren, aber meine Rückenschmerzen sind erstaunlicherweise viel besser und ich kann im Büro am Schreibtisch aufrechter sitzen und mich halten.  Meine ganze Körperspannung hat sich verändert. Das fühlt sich gut an.

Gestern bin ich wirklich über mich hinaus gestiegen und bin richtig stolz.

"Jene, die schon seit geraumer Zeit Kyokushin trainieren, wissen, dass das Leben eines Karatekas Beispiel ist für Opfer, Anstrengung und Konzentration. Ein echter Karateka ist mutig, bescheiden und korrekt. Er wird seinem Lehrer (Sensei) immer vertrauensvoll und bescheiden begegnen. Ein Sensei soll aber ebenfalls bescheiden bleiben, lernfähig sein und ein Psychologe und Freund."

Sen-No-Sen Dojo Freiburg


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